3. Tanz und Islam

von Maria Cristina VisentinZum Inhaltsverzeichnis

Heute wird orientalischer Tanz untrennbar in Zusammenhang mit der Kultur des muslimischen Nahen Ostens in Zusammenhang gebracht.

Dabei ist zu bedenken, dass der Islam die jüngste „Weltreligion“ ist, während der Tanz als einer der ältesten der Menschheit gilt, und beispielsweise Ägypten erst im siebten Jahrhundert islamisiert wurde. Der Tanz ist also älter als die heute vorherrschende Religion.

Im Islam drückt sich der vollendete Wandel von der matriarchalischen zur patriarchalischen Kultur aus, sowie, was den Tanz betrifft, ein Imagewandel. Als allumfassende Religion erfasst er alle Bereiche der menschlichen Erfahrung inklusive der Künste und Kultur. Er wandte sich, wie auch Juden- und Christentum, als Monotheismus gegen den Göttinnenkult.

Jedoch ist ein wichtiges Charakteristikum für die Verbreitung des Islam auch, dass er gleichzeitig alte Bräuche tolerierte. Durch ein Verbot des Tanzes zwischen den Geschlechtern sollte die Verehrung der Gottheiten, wie etwa der syrophönizische Kult für die Göttin Aschtoret, unterbunden werden [29].

In der matriarchalischen Kultur war die Vaterschaft noch unwichtig, wodurch Frauen anscheinend eine wesentlich größere sexuelle Selbstbestimmung hatten, als es heute im Allgemeinen in muslimischen Ländern der Fall ist, beispielsweise freie Wahl des Sexualpartners und sofortige Wiederheirat nach einer Scheidung.

Erst das Patriarchat machte die Möglichkeit der Rückverfolgung der männlichen Erblinie notwendig, wodurch die Vaterschaft eine wesentliche Bedeutung erlangte und die Einschränkung weiblicher Sexualität notwendig machte. Sie sollte nun jeweils nur auf einen Mann bezogen werden.

So muss nach islamischem Recht eine geschiedene Frau vor der Wiederheirat mehrere Monate warten, um eine Schwangerschaft durch ihren Ehemann auszuschließen.

Eine Ausnahme stellen bei der Islamisierung, die vor allem bei sesshaften Gemeinschaften im Bewusstsein verankert wurde, Nomadenstämme wie die Beduinen dar, die viel eigenes Brauchtum beibehielten [30].

Tänzerinnen wurden im Islam niemals mit Wohlwollen betrachtet. Zum einen verletzten sie Gesetze, die die Stellung der Frau in der islamischen Gemeinschaft betreffen, die wiederum eng mit der Rolle der weiblichen Sexualität zusammenhängt.

Der Islam geht davon aus, dass der Sexualtrieb in beiden Geschlechtern gleich stark ist und schreibt ihm eine potentiell zerstörerische Macht zu, die eine Kontrolle notwendig macht. Die Befriedigung der männlichen Sexualität ist notwendig, um die gesellschaftliche Ordnung aufrechtzuerhalten; Frauen werden in einer patriarchalen Gesellschaft hierbei als größte chaosverursachende Bedrohung angesehen. Auch Prostitution wird als Quelle von Chaos gesehen.

Das sexuelle Begehren gilt traditionell als Band zwischen den Geschlechtern, obwohl die romantische Liebe als Ideal bereits durch die alte arabische Lyrik geistert. [31] Die Verbergung der weiblichen sexuellen Attraktivität wurde somit notwendig.

Die Verbergung der weiblichen sexuellen Attraktivität wurde somit notwendig. Der im Mittelmeerraum uralte Brauch, den Körper durch Schmuck und Kosmetik zu betonen, wurde zwar nicht aufgehoben, jedoch auf den privaten Raum verlegt. Körperpflege und Schmuck sollen in der Öffentlichkeit möglichst unter dem Schleier verborgen bleiben.

Somit sind Tänzerinnen umso beunruhigender, als sie die Aufmerksamkeit direkt auf ihre Sexualität lenken [32].

Lane schreibt in einem etwa hundert Jahre alten Reisebericht: „Viele Leute aus Kairo behaupten oder sind überzeugt davon…, dass der Tanz der Ghawazi nichts Anstößiges an sich hat, außer der Tatsache, dass er von Frauen vorgeführt wird, die sich nicht so in der Öffentlichkeit zur Schau stellen sollten. [33]“ Hier kann man auch einen Hinweis auf die Achtung des Tanzes als Volkskunst sehen, der wie die Musik eigentlich gesellschaftlich sogar unentbehrlich ist.

Auch das musizieren gilt im Islam als unschicklich. Es birgt, wie auch Frauen, die Gefahr einer Ablenkung und unterliegt neben dem Tanz als erotische Kunst der Zensur. Dies hängt wohl, neben dem traditionell niedrigen gesellschaftlichen Stand der sie Ausführenden, mit ihrer sinnlichen Natur zusammen, die zu „unmoralischen“ Praktiken wie Alkoholkonsum bei Musikern führte.

Dieser Grundsatz wurde jedoch von Anfang an fröhlich verletzt, wobei sowohl alte Traditionen gepflegt als auch musikalisches Gut ausgetauscht wurden, und auch viele Kalifen ließen sich gerne dadurch unterhalten. Musik wurde seit dem Mittelalter von arabischen Ärzten sogar zu therapeutischen Zwecken angewendet. Letztendlich weisen islamisierte Gegenden, wie auch Gegenden, in denen andere Religionen vorherrschen, nur die gleichen Widersprüche zwischen Glauben und Praxis auf.

Allerdings haben die zur Pharaonenzeit üblichen Musikerinnen und die ʽawālim des 18. und 19. Jahrhunderts heute den überwiegend männlichen Musikern, bei denen Improvisation verbreitet ist und die auch Berufstänzerinnen begleiten, das Feld geräumt.

Lediglich islamische ‚Mystiker‘, die Sufis, nutzen sowohl Musik als auch Tanz als Mittel zur Kommunikation mit Gott, etwa um die Seele in einen ekstatischen Zustand zu versetzen. Sie glauben, Musik symbolisiere den Existenzzustand vor der Trennung von Gott [34].

Zum anderen hängt das schlechte Ansehen von Tänzerinnen mit gesellschaftlichen Gründen zusammen, denn Tänzer sind historisch gesehen Angehörige eines niederen Berufsstandes und wurden noch schlechter angesehen als die Musiker. Schon der vornehme Ägypter der Pharaonenzeit tanzte nicht selbst aus Vergnügen, sondern ließ sich unterhalten.

Der Begriff der Tänzerin schien früh ein Unterbegriff von „Haremsfrau“ zu sein, denn im Harem hatten die Frauen nach Begabung verschiedene Aufgaben und Berufstänzerinnen und Sängerinnen gehörten als geachtete Gruppe mit eigenen Aufsehern, Lehrern und Zeremonienmeistern dazu.

Obgleich tanzende Frauen bis heute bei orientalischen Festen unabdingbar sind, ist Tanz historisch gesehen eine Sklavenkunst, die Frauen nur dann auszuführen gezwungen waren, wenn ihr Mann sie nicht ernähren konnte, während die weibliche soziale Oberschicht, deren Ehemänner eine Unterhalterin zu bezahlen in der Lage war, stillsaß.

Außerdem wird oft angenommen, dass Tanz und Prostitution zusammenhängen. Beides sind Arbeitsmöglichkeiten, bei denen ungebildete Frauen in finanzieller Not relativ viel Geld verdienen können.

Obwohl nicht nur Frauen im privaten Raum jede Gelegenheit zum Tanz wahrnehmen, wird die Wahl des Tänzer- oder Tänzerinnenberufs aus reiner Freude an der Tätigkeit in konservativen Kreisen kaum verstanden [35].

>> 4. Tanz im Harem >>

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Über diese Arbeit

Dies ist Teil 3 der Seminararbeit Tanz in Ägypten. Ursprünge, Weiterentwicklung und Verbindungen zum heutigen Tanz von Maria Cristina Visentin.

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Fußnoten

[29] – Vgl. Buonaventura, Wendy (1993): Bauchtanz. Die Schlange und die Sphinx, S. 30, zit. nach And, Metin (1976): A Pictorial History of Turkish Dancing. Ankara: Dost Yayinlari, S. 21. Nach oben.

[30] – Vgl. Ebd., S. 99f. Nach oben.

[31] – Precht interpretiert die heutige Vorstellung romantischer Liebe als Erfindung der Romantik in Europa. Vgl. Precht, Richard D. (2009): Liebe. Ein unordentliches Gefühl. München: Wilhelm Goldmann Verlag, S. 274f. Nach oben.

[32] – Buonaventura, Wendy (1993): Bauchtanz. Die Schlange und die Sphinx, S. 99, 101-104. Nach oben.

[33] – Vgl. Ebd., S.103, zit. nach Lane, Edward W.: The Modern Egyptians, Bd. 2, S.101. Nach oben.

[34] – Vgl. Ebd., S. 102f., 126ff.; vgl. Seybert-Marklowski, Eva (Havva)( 1996): Tanz im Iran. In: TANZOriental, 4 (August), S. 20. Nach oben.

[35] – Vgl. Seybert-Marklowski, Eva (Havva)( 1995): Tanz im Alten Ägypten. In: TANZOriental, S. 23, zit. nach Brunner-Traut, Emma (1974): Die Alten Ägypter. Verborgenes Leben unter Pharaonen; vgl. Buonaventura, Wendy (1993): Bauchtanz. Die Schlange und die Sphinx, S. 99, 102, 104f. Nach oben.

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