1. Vorwort – Tanz in Ägypten

von Maria Cristina VisentinZum Inhaltsverzeichnis

Man kann davon ausgehen, dass Musik und Tanz zu den ältesten Ausdrucksformen der Menschheitsgeschichte zählen. Der sogenannte orientalische Bauchtanz wird dabei gerne als ältester, heute noch existierender Tanz der Menschheit bezeichnet. Die Entstehungszeit ist in der Forschung jedoch umstritten, auch über seine Ursprünge gibt es verschiedene Theorien.

Eine jahrelange Abwehrhaltung in der Vergangenheit gegenüber der Analyse dieser Tanzform hat dazu angeregt, sie nunmehr verstärkt vor den mythisch-poetischen Hintergrund antiker Riten und Mysterien zu stellen, wobei nun der Enthusiasmus der Hauptvertreter die Objektivität erschwert. Bei der Frage nach dem Ursprung des Tanzes stellt sich zunächst das Problem der Begriffszuordnung.

Die anatomisch beschreibende, jedoch fehlleitende Bezeichnung Bauchtanz (engl. belly dance), aus dem Französischen danse du ventre übersetzt, reduziert den variantenreichen Tanz auf lediglich einen charakteristischen Aspekt. Als richtiger und genauer wird oft der geographisch eingrenzende Begriff Orientalischer Tanz betrachtet.

Gemeinsam sollen bei den Tänzen, die geographisch ein weitläufiges Gebiet umfassen, die charakteristischen, variantenreichen Bewegungen des Beckens sein, die sie von den meisten anderen Tanzformen unterscheiden. Die aktuell ganz allgemein als Bauchtanz bezeichnete Tanzform bezeichnet einen transkulturellen Aufguss einer weit über unsere Zeitrechnung hinaus andauernden Tanztradition, die ursprünglich ägyptisch sein soll [1].

Bei der Verbreitung und Weiterentwicklung, bei der Elemente zahlreicher Kulturen aufgegriffen wurden, sollen vor allem Zigeunerinnen auf ihrem Weg von Nordindien nach Südeuropa und Nordafrika die Protagonisten gewesen sein [2].

Um die sich aus der geographischen Bandbreite ergebende Fülle an möglichen Tanzstilen nun genauer zu identifizieren, sollten wir bei den Ausgewählten zu den arabischen Begriffen Raqs Misri („ägyptischer Tanz“), رقص بلدي Raqs Baladi (ägyptischer „Volkstanz“; wörtl. Baladi: „mein Land, meine Heimat“), oder رقص شرقي Raqs Sharqi (Orientalischer Tanz: Bezeichnung für den Kabarettstil) gegriffen.

Die vorliegende Arbeit wird sich mit dem Ursprung der Tanzkultur in Ägypten im Vergleich zu fortdauernden ägyptischen Tanzformen wie dem Tanz der Ghawāzī oder dem volkstümlichen Raqs Baladi befassen.

Ein weiteres Problem bei der Fragestellung ist die Schwierigkeit der Rekonstruktion von Tänzen nach Bilddarstellungen durch Forscher, da sie oft nur aus ihrem religiösen Zweck heraus zu verstehen sind.

Der Ursprung des Tanzes wird oft in dem Fortbestand magischer Mysterien, Fruchtbarkeits- und Fortpflanzungsriten, sinnlicher Muttergöttinnenanbetung, symbolischer Schöpfungsmythen oder simpler Unterhaltung aus uralten Zeiten vermutet. Doch es gibt auch Widersprüche zu den vorgeblichen Ähnlichkeiten zwischen orientalischen Tanzformen und den Darstellungen altägyptischer Tänze in Gräbern aus Pharaonischen Zeiten.

Berger sieht keinerlei Beleg hierfür, wendet sich aber auch gegen Irena Lexovas Theorie, den Ursprung des modernen Tanzes nicht im alten Ägypten, sondern bei den späteren Etruskern Italiens zu vermuten. Er schlägt vor, dass zunächst aus Phönizien, dann aus Karthago, und zuletzt aus dem römischen Ägypten stammende Tänzer die Bewegungen weiter westwärts einführten, die viel später beispielsweise Lane in Kairo wiedersah [3].

>> 2. Die Verknüpfung von Tanz im Alten Ägypten mit früher Religion >>

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Über diese Arbeit

Dies ist der erste Teil der Seminararbeit Tanz in Ägypten. Ursprünge, Weiterentwicklung und Verbindungen zum heutigen Tanz von Maria Cristina Visentin.

Der 2. Teil Die Verknüpfung von Tanz im Alten Ägypten mit früher Religion erscheint am 22. Dezember auf Y2B. Abonnieren.

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Fußnoten

[1] – Vgl. Saleh, Magda (1987): The Ghawazi of Egypt. A preliminary Report, S. 8f, zit. nach Wood, Leona (1976): Danse du Ventre: A Fresh Appraisal. In: Dance Research Journal, VIII, 2 (Spring/Summer), S. 2, 18f., 23. Nach oben.

[2] – Vgl. Buonaventura, Wendy (1993): Bauchtanz. Die Schlange und die Sphinx. 6. Auflage. München: Kunstmann, S. 13f. Nach oben.

[3] – Vgl. Saleh, Magda (1987): The Ghawazi of Egypt. A preliminary Report, S. 9 zit. nach Ohanian, Armen (1923): The Dancer of Shamakha. New York: E.P. Sutton, S. 261 und nach Wood, Leona(1976): Danse du Ventre: A Fresh Appraisal, S. 21; S. 10 zit. nach Berger, Morroe (1961): A Curious and Wonderful Gymnastic…In: Dance Perspectives, 10 (Spring), S.8f.(8). Nach oben.

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