4. Tanz im Harem

von Maria Cristina VisentinZum Inhaltsverzeichnis

Obwohl vor allem der herrschaftliche Harem eine der gängigsten westlichen Assoziationen mit dem Islam darstellt, bleibt die Entstehungszeit unklar, eine Existenz in vorislamischer Zeit im Nahen Osten ist gut möglich, ebenso wie die Institutionalisierung zum Schutz der Frauen durch die Bildung von Städten.

Harems mit Tänzerinnen sowohl des menschlichen Herrschers, später auch der hohen Würdenträger, als auch der Götter, selbst der Göttinnen und in der Spätzeit sogar der heiligen Tiere, wurden bereits zur Pharaonenzeit belegt. Zumindest verhalfen die Harems zur Zeit des ersten Kalifats (nach dem Tod Muhammads 632 u.Z.) dem Orientalischen Tanz zu voller Entfaltung und der Mystik einer Praxis im Verborgenen.

Harem bezeichnet im Zuge der Geschlechtertrennung den häuslichen Bereich der Frauen, in dem sie auch Kinder aufziehen. Die Herkunft des Wortes (arabisch haram „verboten“ von dem Sanskritwort h’rim „Eintritt verboten“) hat einen Beiklang von heilig und geschützt, der in der türkischen Bezeichnung haremlik („heilige Stätte“) direkt zum Ausdruck kommt. Im Harem spielt als Unterhaltung der Tanz eine wesentliche Rolle [36].

Da Beduinenfrauen aufgrund ihres eigenen Brauchtums größere Freiheiten genossen, verschleierten sie sich nicht und konnten im Falle einer hohen Herkunft ihren Mann mitunter frei wählen. Tanz war bei Beduinen von hoher Bedeutung und es kann sein, dass unverheiratete Mädchen im privaten Raum des Harems für einen Verehrer, dem sie gewogen waren, vortanzen konnten.

Eine noch stärkere erotische Note haftet dem Tanz in den luxuriösen Sultanharems des osmanischen Reiches an, der von Reisenden als lasziv und voller sexueller Anspielungen beschrieben wurde. Ägypten war von 1517 bis 1882 Bestandteil des osmanischen Reiches, bis auf eine kurze Zeit der französischen Regierung unter Napoleon Bonaparte. Der Harem eines Sultans war ein abgeriegelter Ort, an dem ausgewählte Mädchen als seine Konkubinen lebten und gezielt ausgebildet wurden, in der Regel ohne die Möglichkeit, Ausgang zu erhalten.

Die Bediensteten des Sultans waren entweder Eunuchen oder Kastraten und selbst seine Söhne mussten mit Beginn der Pubertät von dort umziehen. Da Frauen im osmanischen Reich als „frei“ betrachtet wurden, der Islam die Versklavung eines Muslims verbietet, wurden Mädchen während der Zeit der Eroberungen aus nicht-islamischen Gegenden herbeigeholt.

Für die Eltern der Mädchen stellte die Möglichkeit, ihre Tochter als Sklavin in einen solchen Harem zu bringen, oft die größte Hoffnung dar, denn sie war dort beschützt, erhielt Nahrung, Kleidung und eine umfassende Ausbildung; und falls der Sultan auf sie aufmerksam wurde, bestand immerhin die Möglichkeit, dass sie in den Rang einer Sultana erhoben wurde. Auch wenn aufgrund strikter Gesetze selten eine Konkubine zur offiziellen Ehefrau des Sultans erhoben wurde, waren doch alle Sultane Söhne von Sklavinnen.

Somit war der Sultansharem für das osmanische Reich „das Institut, um Herrscher zu erzeugen [37]“, mit strengen Regeln und Hierarchien; die Sultansmutter stand in der Hierarchie an der Spitze und erhielt ein enormes Einkommen.

Viele Geschichten ranken sich um die Mütter, die ihren Sohn durch Intrigen auf den Thron bringen wollten, um so selbst an Macht zu gewinnen. Somit war der Harem wohl kaum, wie in der westlichen Orientfantasie, lediglich ein Ort des Vergnügens des Sultans. Doch vielleicht hat die Legendenbildung mit der Unterhaltung durch Künste an diesem Ort zu tun. Mädchen, die in solche Harems kamen, zählten sogar zu den gebildetsten Frauen, wobei Tanz wie auch Dichtung und Gesang eine erotische Kunst darstellte.

Doch die Frauen, an diesen luxuriösen Orten sich selbst überlassen, tanzten auch füreinander, wobei Tanz Mittel zum sexuellen Ausdruck sein konnte. Nicht selten verbrachten sie ihr Leben im Harem, ohne dass der Sultan je auf sie aufmerksam wurde. Einige Reiseberichte weisen sogar auf sexuelle Beziehungen der Frauen untereinander und mimische Darstellung des Geschlechtsakts durch Übernahme der Männerrolle hin.

Hierbei war die Abgeschiedenheit von Männern aufgezwungen, und auch heute findet im Nahen Osten oft Tanz im privaten Raum nur unter Frauen statt. Dabei ist er als Volkskunst immer noch sehr lebendig, Kinder wachsen damit auf und lernen ihn durch Nachahmung, immer wenn Frauen zu geselligen Anlässen zusammenkommen [38].

>> 5. Die Ghawāzī >>

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Über diese Arbeit

Dies ist Teil 4 der Seminararbeit Tanz in Ägypten. Ursprünge, Weiterentwicklung und Verbindungen zum heutigen Tanz von Maria Cristina Visentin.

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Fußnoten

[36] – Vgl. Seybert-Marklowski, Eva (Havva)( 1995): Tanz im Alten Ägypten. In: TANZOriental, S. 23, zit. nach Brunner-Traut, Emma (1974): Die Alten Ägypter. Verborgenes Leben unter Pharaonen, vgl. Buonaventura, Wendy (1993): Bauchtanz. Die Schlange und die Sphinx, S. 61f. Nach oben.

[37] – Kelek, Necla (2006): Die fremde Braut. 9. Auflage. München: Wilhelm Goldmann Verlag, S. 54. Nach oben.

[38] – Vgl. Ebd., S.47, zit. nach Mernissi, Fatima (1987): Geschlecht, Ideologie, Islam. München: Frauenbuchverlag; S. 46, 48, 54ff. ; vgl. Buonaventura, Wendy (1993): Bauchtanz. Die Schlange und die Sphinx, S. 64-67. Nach oben.

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